Zunahme von Armut - die Kommunen sind finanziell nicht gewappnet

Auch Neckargemünd ist von der Finanzmisere der Kommunen betroffen. Diese dramatisch schlechte finanzielle Situation führt allgemein dazu, dass rund 60 Prozent der Kommunen planen, Leistungen zu reduzieren (Quelle: Süddeutsche Zeitung). Wenn diese Kürzungen umgesetzt werden und der Jugend- und Familienpolitik so finanzielle Mittel fehlen, wird sich dies unmittelbar auf die soziale Armut in Deutschland auswirken.

Hintergrundgespräch mit Professor Klaus Dörre zum Thema ’Soziale Armut’: „Die Armen werden doppelt diskriminiert“

Professor Klaus Dörre (Friedrich-Schiller-Universität Jena) wurde in einem Hintergrundgespräch von Dr. Timo Müller (Die Kinderschutz-Zentren) zum aktuellen Thema „Kluft zwischen Arm und Reich wird größer“ befragt. 
 
Dr. Müller: Guten Tag, Herr Professor Dörre. Die Medien zitierten vor einigen Tagen eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Dieser zufolge wächst die Kluft zwischen Arm und Reich, was über die politischen Lager hinweg kritisch gesehen wird. Herr Dörre, warum ist diese Entwicklung nicht gut für unsere Gesellschaft?
Prof. Dr. Dörre:Über die Methodik der DIW-Studie kann man sicher streiten, aber eines ist eindeutig: Die Schere zwischen Reich und Arm geht auch in unserem Land immer weiter auseinander. Dazu kommen neue Spaltungen bei den Arbeitnehmer(inne)n. Immer mehr Menschen sind auf unsichere Jobs angewiesen. Das unterste Viertel der Einkommensbezieher musste innerhalb von zehn Jahren ein Nettoreallohnverlust von 14 % hinnehmen. Eine Folge sind Zweifel an der Zukunftstauglichkeit unseres Gesellschaftssystems. In Belegschaftsbefragungen sagen bis zu 70 % der Arbeiter und Angestellten, dass sie das Gesellschaftsmodell nicht für zukunftstauglich halten. Das kann leicht in Zweifel an der Demokratie umschlagen.    
 
Dr. Müller: Was ist neu an den aktuellen Entwicklungen der sozialen Armut?
Prof. Dr. Dörre:Es sind zunehmend Gruppen betroffen, die zuvor zu den Gesicherten gehörten. Und immer häufiger haben wir es mit Armen zu tun, die hart arbeiten. Der Niedriglohnsektor umfasst inzwischen 23 % aller Beschäftigungsverhältnisse. Drei Viertel der Betroffenen haben eine Berufsausbildung, teilweise sogar einen akademischen Abschluss. Zwar sind – insbesondere alleinerziehende – Frauen sowie Migranten besonders betroffen, aber die Armutsrisiken nehmen auch bei gut qualifizierten Männern zu. Problematisch ist diese Entwicklung auch, weil die Aufwärtsmobilität durchschnittlich zurückgeht. D.h. der Fahrstuhl nach unten fährt sehr schnell, nach oben funktioniert er jedoch nicht mehr.  
 
Dr. Müller: Wie ist Ihre Einschätzung: Ist die deutsche Gesellschaft sensibel genug für die Situation von Menschen, die von sozialer Armut betroffen sind?
Prof. Dr. Dörre: Nein. Vor unseren Augen vollzieht sich ein Übergang von marginaler zu diskriminierender Armut und Prekarität. Armut ist nichts Randständiges mehr, sie reicht immer mehr bis in das gesellschaftliche Zentrum. Die gesellschaftlichen Klassifikationsmuster entsprechen aber noch immer der Phase marginaler Armut. D.h. es wird unterstellt, dass die Armen an ihrer Lage selbst Schuld sind. Was wir derzeit erleben, ist ein regelrechter publizistischer Krieg gegen die „Unterschichten“. In der Konsequenz werden die Armen doppelt diskriminiert: Sie leben schlechter als alle Anderen und sie werden zugleich bevorzugtes Objekt für Negative Klassifikationen und Projektionen. Auf längere Sicht ist das gefährlich für die Demokratie.  
 
Dr. Müller: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Dörre.
 
Professor Dörre gestaltet den Eröff­nungsvortrag des Kinderschutzforums 2010, das vom 8.-10. September in Düsseldorf stattfindet (www.kinderschutzforum.de).